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Denken macht Spaß

…oder die Kunst, ein Rätsel zu lösen!

„Es gibt mehr Dinge zwischen Himmel und Erde, als sich unsere Schulweisheit träumen lässt.“

(William Shakespeare, Hamlet).

„Es gibt viele Dinge in unserer Schulweisheit, die weder im Himmel noch auf der Erde zu finden sind.“

(Georg Christoph Lichtenberg, Physiker)

 

Es ist ein Grundbedürfnis des Menschen, seine Umwelt zu begreifen. Und dies ist auch nötig, denn alles was im Alltagsleben an ihn herankommt, ist zunächst fremd. Der Schöpfer hat uns sozusagen die Rätsel aufgegeben, dabei aber in weiser Pädagogik unterlassen, die Lösungen mitzuliefern. Wir sind offensichtlich aufgerufen, selbst heraus zu finden, wie die Welt funktioniert.

    Wir haben also den Umstand, dass sich das Leben nicht selbst erklärt; wir müssen es erklären. Zumindest uns selbst. Denn erst, wenn wir die Welt verstehen, fühlen wir uns darin auch sicher.

    Fragen und Antworten sind also treue Begleiter des Lebens. Und der normale Erkenntnisprozess besteht darin, eine auftauchende Frage solange in sich zu bewegen, bis die erlösende Antwort im wahrsten Sinn des Wortes „einfällt“.

Der fragende Mensch fühlt eine innere Bedrängung (seelische Einatmung) und erlebt in der Antwort eine Befreiung (seelische Ausatmung). Besonders bildhaft schildert Johann Wolfgang von Goethe diesen Vorgang: „Im Atemholen sind zweierlei Gnaden,/ die Luft einziehen, sich ihrer entladen./ Jenes belebt, dieses erfrischt,/ so wunderbar ist das Leben gemischt./ Drum danke Gott, wenn er dich presst,/ und dank‘ ihm, wenn er dich wieder entlässt.“

    Atmen und Denken scheinen offensichtlich eine gewisse Verwandtschaft zu besitzen. Wer z.B. mehr Informationen aufnimmt, als er verarbeitet, bekommt Kopfschmerzen; er wird „gepresst“. Fällt uns das Richtige ein, sind wir erleichtert, also „erfrischt“.

   Missverständnisse sind die klassischen Rätsel des Alltags. Nehmen wir dazu folgendes Beispiel:

   Ein betrunkener Mann sucht im Schein einer Straßenlaterne etwas. Ein hilfsbereiter Polizist kommt hinzu und fragt: “Was suchen sie denn?

Der Mann antwortet: „Meinen Schlüssel!“

Polizist: „Haben Sie ihn denn sicher hier verloren?“

Mann:   „Natürlich nicht!“

Polizist: „Na, wo haben sie ihn denn verloren?“

Mann:   „Dort hinten irgendwo………..“

Polizist: „Aber warum suchen Sie ihn denn hier?“

Mann:   „Aber Herr Inspektor, dort hinten ist es ja viel zu finster!“[1]

   Blicken wir hinaus in unsere Welt, so bleibt sie uns so lange dunkel, bis wir sie mit unserem Denken erhellen können. Genau derselbe Vorgang liegt dem Rätselraten zugrunde. Auch der Leser hat zunächst etwas wie ein undurchschaubares Chaos vor sich: Bilder, die scheinbar nicht zusammenstimmen, Informationen, die einander widersprechen, kurz, er blickt ins „Dunkel“, bis ihm mit der Lösung endlich „das Licht aufgeht“. Überrascht stellt er dann fest, dass des Rätsels Lösung (der gefundene Begriff) wie durch Zauberhand alle Dinge an ihren rechten Platz rückt. Das Chaos ist plötzlich geordnet, die Sache liegt in völliger Klarheit vor ihm. Er hat nun den Durchblick.

    Schmunzelnd erlebt der Ratende die Erleuchtung. Die Antwort fand er weder durch lexikales Wissen noch durch stures Ausrechnen, sie ist ihm irgendwie passiert. ….Aber freilich erst, nachdem er seine Phantasie kräftig in Bewegung gebracht hatte.

  So kann also das spielerische Rätselraten jene Fähigkeiten in uns fördern, die wir in der heutigen Berufswelt so dringend nötig haben: Einfallsreichtum, Erfindungsgabe, Kreativität, um anstehende Probleme zu lösen. Es ist die Gabe, neue, bewegliche, besondere Gedanken zu entwickeln. Diese Kraft macht uns auch fit, Antworten auf die großen Fragen im beruflichen und persönlichen Leben zu finden.

   Die wirtschaftlichen und sozialen Gegebenheiten bringen es mit sich, dass sie nur mit ungewöhnlichen und vor allen Dingen lebendigen Denkstrukturen gemeistert werden können. Was heißt das? Dass eine Art „lernende Phantasie“ von uns auszubilden ist, damit uns im Chaos tatsächlich der Durchblick gelingt.

    Hier setzt die Ausbildungsmethode des Humaneum an. Die Fähigkeit einer „lernenden Phantasie“ zu entwickeln bedeutet, Gegensätze zu verstehen und miteinander verbinden zu können. Und das ist die Voraussetzung für den Erfolg. In jedem Menschen schlummern Fähigkeiten, die genutzt werden wollen.  Diese können gezielt geweckt werden. Hinderliche Verhaltensweisen werden erkannt und mittels einfacher Übungen in konsequenten Schritten verändert.

Je präziser eine Idee und die Schritte zur Verwirklichung,
umso erfolgreicher ist sie!

    Der Umstand, dass uns manchmal wirklich nichts Neues mehr einfällt, hat mehrere Ursachen. Eine davon ist die einseitige fachliche Ausbildung: ein Fachunterricht ist so angelegt, dass alles was vermittelt wird, innerhalb seines Fachgebietes bleibt. Das muss auch so sein, sonst würde jeglicher Unterricht ausufern.

   Allerdings ist die Schulweisheit alleine nicht mehr geeignet, den heutigen Bedarf an Problemlösungen abzudecken. Die Aufforderung zum „Umdenken“ trifft nicht mehr das Wesentliche. Umdenken heißt heute, immer etwas Neues anzudenken.

   Überall, sei es beruflich wie privat, haben wir immer nur eine persönlich begrenzte Erfahrung, begrenztes Wissen zur Verfügung, um unseren Alltag zu meistern. Und wir kommen regelmäßig in Situationen, wo wir unsere Grenzen überschreiten müssen, weil die Welt in immer neuer Gestalt an uns heran tritt.

   Wer innerhalb seiner Erfahrungen stehenbleibt, ignoriert die Tatsache, dass der Mensch ein Wesen ist, das unbegrenzt dazulernen kann. Diese Ignoranz drückt Jane Roberts mit folgenden Worten aus: „Manche Menschen haben einen Gesichtskreis mit dem Radius null und behaupten, es sei ihr Standpunkt“.

   Unser Bewusstseinshorizont ist ständig erweiterbar. Das ist auch der Grund, warum wir überhaupt Fragen entwickeln können! Wir haben eine natürliche Methode, mittels der unser Denken mit Begriffen und Inhalten umgehen lernt, die es zunächst selbst nicht kennt.

   Hier setzt in befreiendster Weise die Übung des Rätselratens an : der Mensch versucht, alles zur Lösung heranzuziehen, was er jemals erlernt hat. Und mutig setzt er das Erlernte völlig neu zusammen! Mit anderem Worten, er baut sich selbst die Grundlagen für die Erkenntnis. Wir lernen, die einzelnen Puzzlesteine unseres Wissens anders zusammenzusetzen als gewohnt, mit dem Willen, ein neues, passendes Bild zu schaffen. In diesem Vorgange sind wir einige Augenblicke Schüler und Lehrer zugleich : wir erziehen unser Gewohnheitsdenken zur Kreativität !

   Gelingt es, dieses Denken entwicklungsfähig zu machen (zu trainieren), so werden wir fähig, vom polaren Bereich des „entweder/oder“ hinaufzusteigen zum universalen Bereich des „sowohl/als auch“. Denn es gibt viele Situationen im Berufsleben, in denen zu einem Problem unterschiedlichste Lösungen passen.

   Der Moment glücklicher Erkenntnis ist vergleichbar mit der „Muse, die den Künstler küsst“. Dieser Moment lässt sich nicht bestimmen, nicht erzwingen, nicht im voraus garantieren. Aber wenn wir uns kräftig anstrengen, uns sozusagen bei der Muse beliebt machen, ist die neue Erfahrung M Ö G L I C H ! Und das Möglichmachen von etwas ganz Neuem, das Ergreifen einer neuen, selbst noch nie gedachten Idee, ist eine wahre Bereicherung des Lebens.

   Das ganze berufliche wie persönliche Leben kommt, genaugenommen, einem stetigen Rätselraten gleich; und das Finden der Lösung ist zugleich die Entdeckung des Lebensinnes.

   Rätselraten als mentales Training fördert ein universelles Denkvermögen. Denn das Rätsel verlangt von uns den Mut, neben aller Erfahrung auch völlig neue, uns unbekannte Vorstellungen zu entwickeln. Damit werden wir erfolgreiche Gestalter des eigenen Lebens.

Ein Rätsel zum Üben :

Wer ihn hat,

hat ihn bei seiner Geburt bekommen;

dadurch wurde er selber einer.

Später bekommen kann ihn keiner;

höchstens wird er ihm wieder genommen. [2]

 

Autor: Herbert Deissenberger

[1] Aus: Paul Watzlawick, Anleitung zum Unglückl ichsein, Verlag Piper
[2] Aus: Erika Beltle, …rückwärts schlüpft er aus dem Ei; Verlag Freies Geistesleben

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