Technisch online – persönlich kein Anschluss ?

Das Rätsel des Sozialen

Wer unbefangen das geschäftige Weltgetriebe beobachtet, dem offenbart sich ein internationales Phänomen. Die soziale Welt ist heute tatsächlich eine weitgehend technische Angelegenheit geworden. Es gibt ungeheure Möglichkeiten miteinander zu kommunizieren. Global net und world wide web sind praktisch realisiert, ein die Weltoberfläche lückenlos überziehender Informationsteppich ist gewoben.

Beispiel: Eine Mitarbeiterin einer Firma in der Wiener Innenstadt bemerkt eines Tages durch die geöffneten Fenster Brandgeruch, kann jedoch die Ursache unmittelbar nicht herausfinden. Kurz darauf erhält sie einen geschäftlichen Anruf aus Australien: „Hello, Vienna! Ich höre gerade in den News, neben euch brennt`s!“ Die überraschte Dame geht ans Fenster, und siehe da, Es stimmt tatsächlich: Die Hofburg brennt. Die Information brauchte die 200m von der Hofburg in die Firma länger, als nach Australien und zurück! Es ist heute technisch möglich, von jedem Ort der Welt zu jeder Zeit mit fast jedem Mitmenschen zu kommunizieren; zumindest der Möglichkeit nach.

Gleichzeitig, aber wesentlich verborgener, ist auch ein anderes Phänomen wirksam: die rapide Abnahme der menschlichen Fähigkeit, miteinander persönlich zu kommunizieren. Bei nahezu unbegrenzten äußeren Möglichkeiten der technischen Kommunikation schwinden gleichzeitig die inneren Fähigkeiten zum Gespräch miteinander.

Also technisch online – persönlich kein Anschluss? Offensichtlich entfernen wir uns von einer Gesprächskultur hin zu einer reinen Informationskultur. Zwischenmenschlich gesehen ist das aber ein riesiges Problem. Denn die reine Informationsvermittlung ist zwar steril sauber, kommt aber einer emotionalen Kastration im Miteinander gleich.

Werden wir zu Eunuchen im Technik – Harem?

Uns droht trotz steigender technischer Möglichkeiten die menschliche Kommunikations-Impotenz. Der Macht permanenter Erreichbarkeit steht die Ohnmacht des „sich-nicht-verständlich-machens“ gegenüber.  Heute kann sich jeder via Internet jedem anonym mitteilen. Der Preis dafür ist der Verlust persönlicher Begegnung. Immer mehr Menschen verbringen immer mehr Zeit vor dem Bildschirm und immer weniger Zeit mit ihrem Mitmenschen.

Durch die Informationsüberflutung sinkt der Wert der einzelnen Mitteilung. Es kommt zur „Info-Inflation“, wodurch der Bedarf an neuen Informationen noch weiter anwächst. Damit schrumpft auch die Halbwertszeit der Nachrichten-Aktualität. Die Auswahl wesentlicher Nachrichten aus dem Datenmüll wird damit noch schwerer, und dieser Wirbel dreht sich immer schneller und enger. Inmitten der wirbelnden Überfülle vereinsamt der Mensch, fällt ins Informationsloch, aus dem er sich vergeblich am eigenen Schopf durch weitere Informationen herauszuziehen versucht.

Die alten Spielregeln der Kommunikation gelten heute nicht mehr und die neuen haben sich ohne unser Wissen verselbständigt. Tatsächlich werden die Regeln immer öfter durch das Spiel selbst bestimmt, nach dem Motto: „Wir haben uns zwar nichts mehr zu sagen, aber dafür geht es umso schneller.“

            In der Kommunikation geht es nicht nur um die reine Information. Jedes Zwiegespräch braucht zuerst eine Übereinstimmung auf der emotionalen Ebene, bevor sachliche Daten ausgetauscht werden können. Ein gutes Gefühl im Herzen bildet erst die Basis für das Sachverständnis. Somit bietet die emotionale Basis auch die Grundlage aller Klärung von Missverständnissen!

Wie kommt es eigentlich zu Missverständnissen?

Da ist zunächst der natürliche Informationsverlust zwischen den Menschen. Jeder erachtet im Gespräch etwas anderes als wichtig oder unwichtig, je nach persönlicher Erfahrung. (Für den Fußballfan ist der Sieg seiner Mannschaft ein Grund zum Feiern, den Schachspieler lässt dieser Umstand relativ kalt.) Ein weiterer Umstand ist die Tatsache, dass Frauen anders kommunizieren als Männer und umgekehrt, z.B.:

Sie (Beziehungsebene): „Hast du mich liiiiiiiiiiieb?“

Er (Sachebene): „Das hab‘ ich dir schon gesagt. Sag‘, merkst Du Dir nix?“

 

Weiters ist aus der Kommunikationswissenschaft bekannt, dass von 100%  möglicher Information über das gesprochene Wort nur etwa 10% tatsächlich vom Gesprächspartner aufgenommen werden. Dieser erstaunliche Umstand wird durch folgende Graphik sichtbar.

 Informationsverlust[1]

 

 

Informationsverlust

Daraus ist ersichtlich, dass Informationsquelle und –wert des gesprochenen Wortes stark versickern. Hingegen ist im Gespräch nicht nur das gesprochene Wort, sondern der ganze Gesprächspartner als Übermittler tätig. Körperhaltung, Gestik, Mimik, Ausstrahlung kommen zum gesprochenen Wort hinzu. „Die Zeichen der Körpersprache zu erkennen, sie richtig auszulegen und selbst anzuwenden, erleichtert jede Art von Kommunikation. Wer die Signale versteht, kann seinen Partnern positiv entgegenkommen, durchschaut die Verstellungsgesten anderer und – noch wichtiger – lernt ihre Gefühle zu respektieren und zu begreifen[2].“ (Samy Molcho)

Der ganze Mensch spricht, nicht nur sein Mund!  Diese Vielschichtigkeit ist es, welche die Grundlage für das Verstehen bildet. Das gehörte oder geschriebene Wort liefert uns eben nur einen Bruchteil jener Information, die möglich wäre, würden wir uns persönlich unterhalten.

Was sind die Konsequenzen?

Durch unkompostierten Datenmüll entstehen persönliche und soziale Frustrationen. Bei der technisch geführten Kommunikation bleibt immer ein unerfüllter Rest, da es an der konkreten Wahrnehmung des anderen fehlt. Dieser Rest setzt sich als Ablagerung, wie Kalk in der Wasserleitung, in der Seele fest und reduziert immer mehr die natürliche Offenheit. Man wird befangen, es kommt zu gefühlsmäßiger Verstopfung. Die Isolation steigt, der Druck nimmt zu.

Bei einer defekten Wasserleitung holen wir den Installateur. Bei Informationsdefekten in uns müssen wir selbst die Reparatur durchführen. Das beste Servicemittel dazu liegt in einer persönlichen Aussprache. Goethe  spricht sich darüber folgendermaßen aus:

Frage:      „Was ist herrlicher als Gold?“

Antwort:    „Das Licht.“

Frage:      „Was ist erquicklicher als Licht?“

Antwort:    „Das Gespräch.“[3]

Schauen wir weiter zurück in der Geschichte, um der Quelle der „Erquicklichkeit“ auf die Spur zu kommen. Die spezielle Qualität eines Gespräches beschreibt Plato in seinem Sokratischen Dialog[4]. Plato ist der Meinung, die Wahrheit könne nie aus einem Mund gehört werden, sie entstehe immer zwischen Menschen. Die soziale Fruchtbarkeit einer Wahrheit wird sogar höher bewertet als ihre Richtigkeit, denn, so Plato: „Neben richtig soll eine Wahrheit immer zugleich auch moralisch zu tun sein.“ (Es nützt mir z.B. nichts, wenn ich über gesunde Ernährung zwar Bescheid weiß, aber nichts dgl. tue. Erst wenn ich mich auch tatsächlich gesund ernähre, werde ich auch gesünder sein.)

Im Dialog wird durch Zuhören ermöglicht, dass sich ein Freiraum bildet, in dem der andere sich aussprechen kann. Das Sprechen wird als Versuch verstanden, den Einklang mit der Wahrheit zu finden.

Soweit die platonische Anschauung. Auf unsere heutige Situation übertragen, hieße das, im persönlichen Gespräch die volle Verantwortung für die Güte des Gesprächsverlaufs mit zu übernehmen. Damit erlebe ich mich selbst als die Ursache des Erfolgs und dies verleiht der Seele Flügel. Hier stellt sich etwas ein, was im ganzen Leben eine wichtige Rolle spielt: das Gefühl!  Jeder Entscheidung liegt ein Gefühl zugrunde. Die Frage ist nur, welches Gefühl jeweils dominiert und wieviel ich davon weiß! Wie oft im Alltag spielen uns unbewusste Emotionen deswegen einen Streich:

  • Millionengeschäfte scheitern, weil die Verantwortlichen einander gram sind.
  • Koalitionsverhandlungen scheitern, weil die Vertrauensgrundlage erschüttert ist.
  • Familien zerbrechen , weil keine Deklaration der Bedürfnisse möglich ist.
  • Die „große Liebe“ stirbt, weil die Partner verlernt haben, sich zu versöhnen, etc.

 Ein Gespräch zu führen ist in gewisser Weise wie Rätselraten: Ich habe unterschiedliche Teilinformationen, mir fehlt aber die Hauptsache, der zentrale Punkt, die Lösung: Worum geht’s eigentlich? Nun durchstöbere ich meinen ganzen Erfahrungsschatz, um mit dem schon Bekannten mir das Neue, Unbekannte zu erschließen. Erst wenn mir dies gelingt, ist das Rätsel gelöst, ich bin zufrieden.

Wie läuft das nun im Gespräch?  Auch beim vertrautesten Gesprächspartner gibt es viele Dinge, die mir neu sind. Wem passiert es nicht manchmal, dass er sich mitten im Gespräch plötzlich fragen muss, worum es eigentlich geht. In diesem Moment beginnt ein geistiger Kassensturz, um eine neue Orientierung zu erlangen. Gelingt dies, dann löst sich der „Datenstau“ auf und der „Strom der Informationen“ kann frei fließen. Wir fühlen: das Gespräch verläuft richtig, und auch hier stellt sich eine gewisse Befriedigung ein.

Wer gelöst ist, hat die Lösung

Das Rätsel der menschlichen Kommunikation ist immer auch das Rätsel des sozialen Umgangs zwischen den Menschen. Die Lösung dafür finden wir nicht fertig vor, sondern entwickeln sie erst, indem wir ständig etwas ausprobieren, also üben. Es gibt kein starres Kochrezept für ein „richtiges“ Verhalten! Eine gewisse Gesprächskultur entwickelt sich erst nach und nach, denn das Gespräch ist ein ausschließlich gemeinsamer Prozess und will gepflegt werden. Dafür gibt es einige Grundregeln, die geübt werden sollten, damit Sie Erfolg haben.

12 Tips für ein erquickliches Gespräch

  1. Machen Sie sich vor Beginn des Gespräches ganz klar: Worum geht es? Was ist das zentrale Anliegen? Damit konzentrieren Sie sich auf das Wesentliche.
  2. Beginnen Sie jedes Gespräch mit ehrlicher Anerkennung. Es gibt immer etwas, was ehrlich anerkannt werden kann. Damit schaffen Sie ein gesundes  Gesprächsklima.
  3. Seien Sie freundlich, aber sachlich. (Über Fakten lässt sich niemals streiten, nur über Meinungen.)
  4. Geben Sie ruhig zu, wenn Sie etwas Wesentliches nicht wissen oder verstehen, aber
  5. Fragen Sie nach, um weitere Informationen zu bekommen. Als goldene Regel gilt: Wer fragt, führt das Gespräch! Fragen erweitert den Horizont.
  6. Achten Sie auf die Gleichwertigkeit der Standpunkte. Ihr Standpunkt ist genauso viel wert wie der des anderen; nicht mehr, aber auch nicht weniger. Finden Sie heraus wo gemeinsame Berührungspunkte liegen.
  7. Gegensätze sind die Eckpfeiler des Gespräches. Zwischen ihnen entzünden sich neue Ideen.
  8. Lösen Sie sich von bestimmten Erwartungshaltungen. Wer zwingt, erzeugt Stress.
  9. Stehen Sie zu sich selbst, stecken Sie Ihre Grenzen klar ab. Daran kann sich die Achtung ihres Gesprächspartners entwickeln. Ein ehrliches „nein“ ist oft heilsamer als ein zweifelhaftes „ja, aber…“
  10. Machen Sie sich Ihre Qualitäten bewusst! Jeder Mensch ist etwas Besonderes. Das steigert ihr Selbstwertgefühl. (Biedern Sie sich niemals an, das setzt ihren Wert herab.)
  11. Entwickeln Sie Mut! Denn Sie brauchen jedesmal Mut für ein echtes Gespräch, weil Sie den Verlauf nicht ausschließlich selbst bestimmen können.
  12. Lernen können Sie von jedem Gespräch. Denn wüssten Sie nämlich schon im vorhinein alles, bedürfte es ja gar keines Gespräches mehr.

[1] aus : Decker Franz : Gruppen moderieren, eine Hexerei ?
[2] Samy Molcho, Alles über Körpersprache, Mosaik Verlag
[3] J. W. Goethe (Das Märchen in „Unterhaltungen deutscher Ausgewandeter“)
[4] Sokrates bezeichnete sich selbst als Hebamme für die Erkenntnis des anderen.

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